Diese Entwicklung hat das Potenzial, etablierte Geschäftsprozesse grundlegend zu verändern. Während sich Unternehmen im ganzen Land auf neue Materialien, Lieferketten und Herstellungsprozesse vorbereiten, kommt etwas ganz anderes auf sie zu: eine enorme Datenflut im Zuge der PPWR.
Unser Blogbeitrag im Dezember konzentrierte sich auf die Verpackung selbst, aber heute wollen wir einen Blick hinter die Kulissen werfen. Denn die PPWR ist nicht nur eine Materialverordnung, sondern auch ein massiver Treiber der digitalen Transformation. Wer glaubt, dass es bei der Umstellung lediglich darum geht, Verbundfolien durch Monomaterialien zu ersetzen, übersieht den administrativen Eisberg unter der Oberfläche.
Nachweis und Kennzeichnung: Die PPWR fordert Transparenz
Bislang reichte es oft aus, wenn die Einkaufsabteilung wusste, dass die Folie X bestellt worden war, und die Marketingabteilung wusste, dass sie sehr nachhaltig aussah. Diese Zeiten sind vorbei. Die PPWR verlangt Transparenz in einer Detailgenauigkeit, die viele der heutigen IT-Landschaften einfach überfordert.
Bis 2030 müssen Unternehmen nicht nur behaupten, dass ihre Verpackungen in mehreren Stufen gesetzeskonform sind. Sie müssen dies auch nachweisen, Informationen auf der Verpackung bereitstellen und die Konformität demonstrieren. Nahtlos und rechtskonform. Und zwar für jede einzelne Verkaufseinheit oder Verpackungsart, manchmal sogar auf mehrere Arten. Pacoon-Geschäftsführer Peter Désilets weist darauf hin, dass eine Verkaufseinheit oder Verpackungsart in unterschiedlichen Situationen verwendet werden kann. „Und diese Situationen können zu unterschiedlichen Anforderungen führen, die erfüllt werden müssen.“
Hier kollidieren regulatorische Anforderungen mit der harten Realität veralteter ERP-Systeme. In vielen Unternehmen werden Verpackungsdaten nach wie vor vernachlässigt und oft in Freitextfeldern oder PDF-Datenblättern auf lokalen Laufwerken versteckt. Dies wird nun zu einem Kosten- und Risikofaktor. Und wenn später der digitale Produktpass (DPP) eingeführt wird, wird Papierkram nicht mehr ausreichen.
Die digitale Transformation steht oft erst am Anfang
Ein aktueller Bericht der Landbell Group zeigt, dass fast 58 % der befragten Unternehmen in der DACH-Region ihre ERP- und Datenmanagementsysteme als „unzureichend vorbereitet“ für die PPWR-Anforderungen betrachten. Insbesondere KMU fehlen effiziente digitale Schnittstellen und standardisierte Datenmodelle zur Erfassung und Übermittlung von Verpackungsinformationen.
Eine Studie von GS1 Europe aus dem Jahr 2025 kommt zu ähnlichen Ergebnissen: In einer Umfrage unter 220 FMCG-Herstellern gaben 65 % an, dass ihre IT-Systeme im Bereich der Verpackungsdaten umfassende Anpassungen erfordern, um die erforderlichen Nachweise, Recyclinganteile und Materialfraktionen konform melden zu können.
Eine weitere wichtige Erkenntnis: Nur 12 % der Unternehmen verfügen derzeit über automatisierte Prozesse zur Erfassung und Pflege verpackungsspezifischer Daten wie Materialart, Gewicht, Recyclinganteil oder recyceltspezifische Additive. Der Rest verlässt sich weiterhin auf manuelle oder halbmanuelle Verfahren. Dies birgt nicht nur Fehlerpotenzial, sondern kann auch zu erheblichen Kosten und Verzögerungen im Falle einer Prüfung oder Meldung an zentrale Register führen.
„In Europa, wo die Diskussionen um die PPWR seit Jahren die Agenda dominieren, hinken die Unternehmen mit ihren Vorbereitungen bereits hinterher“, beobachtet Peter Désilets. „Wir sind weltweit unterwegs und machen Unternehmen auf die PPWR aufmerksam, die ab August 2026 erste Konformitätserklärungen erfordert. Der Anteil der Unternehmen, die sich im Detail mit der PPWR auskennen, liegt wahrscheinlich im einstelligen Bereich.“
Verpackungsdaten müssen in die Stammdaten eingegeben werden.
Die Frage ist also nicht mehr, ob ERP-Systeme angepasst werden müssen, sondern wie schnell. Um die Anforderungen der neuen EU-Verpackungsverordnung zu erfüllen, müssen Warenwirtschaftssysteme lernen, Verpackungen nicht nur als Kostenstelle oder logistische Hülle zu betrachten, sondern als komplexes Produkt mit eigenen Stammdaten und einer neuen Detailtiefe.
Was muss ein modernes System in Zukunft leisten können?
- Granulare Materialaufschlüsselung: Es reicht nicht aus, „Kunststoff” zu speichern. Das System muss in der Lage sein, zwischen PET, PE, PP und deren Materialfraktionen zu unterscheiden, einschließlich Additiven, Farbstoffen und Klebstoffen, die die Recyclingfähigkeit beeinträchtigen könnten.
- Gewichtsmanagement von Milligramm bis Tonnen: Die Berechnung von Lizenzgebühren und Quoten für die Verwendung von recyceltem Material erfordert präzise und konsistente Gewichtsangaben für jede Komponente der Verpackung.
- Verfolgung des Recyclinganteils: Woher stammt das Material? Handelt es sich um Post-Consumer-Recyclingmaterial (PCR)? Sind die entsprechenden Recyclingzertifikate verfügbar? Diese Informationen müssen dynamisch mit der Charge verknüpft werden.
- Interoperabilität: Die Daten dürfen nicht isoliert sein. Sie müssen exportierbar sein: in zentrale Register, an Kunden und in Zukunft auch auf offene Plattformen für den digitalen Produktpass. Gleichzeitig muss es auch möglich sein, externe Daten zu importieren, da die Komplexität der Datenflüsse weiter zunimmt.
Unternehmen, die jetzt nicht in die Stammdatenverwaltung investieren, laufen Gefahr, bei den ersten Audits in ein Berichts-Chaos zu geraten.
Wie dringend Handlungsbedarf besteht, zeigt auch der „Digital Packaging Readiness Index 2025“: 82 % der teilnehmenden Unternehmen geben an, innerhalb der nächsten 18 Monate erhebliche Investitionen in neue Softwarelösungen oder die Anpassung von ERP-Modulen zu tätigen. Dennoch beklagen 45 %, dass die Integration standardisierter Datenübertragungen an Partner und Behörden noch „in den Kinderschuhen“ steckt.
„Wir erhalten derzeit immer mehr Anfragen von Menschen, die nach dem IT-Äquivalent einer Gans suchen, die goldene Eier legt”, sagt Peter Désilets. „Soweit wir wissen, gibt es außer unserem Web-Tool PPWR Check© keine andere Software, die PPWR-Anforderungen überprüfen und die Daten automatisch digitalisieren kann. Selbst ERP-Systeme können diese Überprüfungen mit den heutigen Daten nicht durchführen, da wesentliche Informationen nie erfasst wurden. Wir wollen diesen Mangel in Zukunft beheben und die Daten mit ERP-Systemen verknüpfen. Bis dahin bereiten wir unsere eigene externe Plattform vor, um alle Daten und Dokumente zu speichern und die Konformitätserklärungen zu erstellen und zur Verfügung zu stellen.“
Ein neues Berufsbild entsteht
Diese neue Komplexität erfordert eine neue Verantwortung. Bei den Pionieren der Branche zeichnet sich bereits ein neues Berufsbild ab: der Verpackungsdatenmanager.
Diese Rolle ist das Bindeglied zwischen Verpackungsentwicklung, Einkauf, IT und Nachhaltigkeitsmanagement. Verpackungsdatenmanager sind nicht diejenigen, die Verpackungen entwerfen. Sie sind die Architekten der Datenflüsse. Zu ihren Aufgaben gehören:
- Sicherstellung der Datenqualität: Validierung der technischen Datenblätter von Lieferanten.
- Systemwartung: Übertragung physikalischer Eigenschaften auf digitale Zwillinge im ERP-System.
- Compliance-Überwachung: Überwachung der Erreichung von Recyclinganteilszielen auf der Grundlage realer Daten, nicht von Schätzungen.
- Schnittstellenmanagement: Aufbereitung von Daten für EPR-Berichte (Extended Producer Responsibility). .
Für Personalabteilungen bedeutet dies, dass sich das Anforderungsprofil für Verpackungsingenieure verschiebt. IT-Affinität und Datenverständnis werden zu Kernkompetenzen.
„Die Verbindung zur Verpackung muss jedoch bestehen bleiben, und es ist wichtig zu verstehen, welche Anforderungen die Zukunft mit sich bringen wird“, betont Désilets. „Wohin entwickelt sich der Markt? Welche neuen Verpackungsarten kommen auf uns zu? Welche Daten müssen in Zukunft integriert werden, und was bringen die Gesetze? Betrachte ich meine Verpackung als Insel oder als Teil eines gesamten Datennetzwerks? Zum Beispiel die Lagerdaten, die anstehenden Nachbestellungen, verbunden mit meinem Verpackungslieferanten, der Materialbestellungen aufgibt, um seine Produktion so vorzubereiten, dass er seinen kurzfristigen Zwischenlagerbestand direkt auffüllen kann?“
Auch dieser Bereich befindet sich noch im Wachstum: Laut der GS1-Studie verfügen derzeit nur rund acht Prozent der befragten Unternehmen über einen dedizierten Verpackungsdatenmanager oder planen zumindest, einen einzustellen. Dieser Anteil dürfte jedoch bis 2027 deutlich steigen, um den steigenden regulatorischen und Nachhaltigkeitsanforderungen gerecht zu werden.
Unterschiedliche Verpackungen, unterschiedliche Lieferkette
Das vielleicht größte Hindernis für die Einhaltung der PPWR-Vorschriften liegt außerhalb der eigenen vier Wände: in der Lieferkette. Wie kann ich zuverlässige Daten von meinen vorgelagerten Lieferanten erhalten?
Bislang basierte vieles auf Vertrauen und statischen Zertifikaten, die einmal im Jahr oder auf Anfrage per E-Mail verschickt wurden. Die PPWR erzwingt die digitale Integration der Lieferkette. Unternehmen müssen die Zusammenarbeit mit Lieferanten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg verstärken, um Daten in standardisierten Formaten zu erhalten. Und welcher Lieferant ist bereit, seine Geschäftsgeheimnisse preiszugeben, wie z. B. vorgelagerte Lieferanten oder übermäßig detaillierte Materialspezifikationen? Und wer überprüft die Daten auf ihre Richtigkeit?
Dies führt zu einer spannenden Dynamik:
- Kleinere Lieferanten stehen unter Druck: Wer keine digitalen Daten liefern kann, wird möglicherweise als risikobehafteter Lieferant eingestuft und könnte aus der Liste gestrichen werden.
- Plattformwirtschaft: Es entstehen immer mehr cloudbasierte Plattformen, auf denen Lieferanten ihre Verpackungsspezifikationen hochladen, die dann direkt in die ERP-Systeme der Markeninhaber einfließen.
- Auditierung: Die bloße Angabe, dass etwas „recycelbar” ist, reicht nicht mehr aus. Es ist ein Nachweis gemäß anerkannten Standards erforderlich.
Eine Umfrage der Landbell Group unter führenden Verpackungsherstellern zeigt, dass 72 % der Unternehmen die mangelnde Standardisierung der Lieferantendaten als Hindernis für die Einhaltung der PPWR betrachten. 51 % haben bereits Initiativen gestartet, um die Transparenz in der Lieferkette deutlich zu erhöhen.
Herausforderungen, Best Practices und der nachhaltige Weg zur Compliance
Die gesammelten Zahlen und Studien zeigen deutlich, dass die Branche auf dem richtigen Weg ist, ihr Ziel aber noch nicht erreicht hat. Viele Unternehmen befinden sich noch in einer frühen Phase der Transformation und unterschätzen in einigen Fällen die Komplexität und Tiefe der neuen Datenanforderungen.
Best Practices wie die Einführung standardisierter Austauschformate, gezielte Schulungen für Mitarbeiter, die Einrichtung funktionsübergreifender Datenmanagement-Teams und eine enge Abstimmung mit IT- und Nachhaltigkeitsabteilungen gelten als Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche PPWR-Compliance.
Digitalisierung als Überlebensstrategie
Die PPWR ist weit mehr als eine ökologische Verordnung im Sinne der Kreislaufwirtschaft. Sie ist ein Katalysator für die Digitalisierung in der FMCG- und Verpackungsindustrie. Der unsichtbare Wandel findet auch in den Serverräumen statt.
Für Unternehmen bedeutet dies, dass diejenigen, die Nachhaltigkeit ausschließlich als materielles Thema betrachten, zu kurz greifen. Die Gewinner der PPWR-Ära werden diejenigen sein, die ihre Verpackungsdaten genauso schätzen wie das Produkt selbst. Denn am Ende bedeutet keine Daten keine Compliance. Und das bedeutet keinen Marktzugang mehr.
