Die einfachste Lösung ist, wie so oft, keine Lösung: Selbstverständlich könnte man Stretchfolie ganz einfach von den Regelungen der PPWR ausnehmen. Das liefe nur leider der ökologischen Intention der Verpackungsverordnung komplett entgegen.
Dass irgendetwas geschehen muss, ist jedoch klar. Die PPWR sieht vor, dass Verkaufs- und Transportverpackungen ab 2030 im Sinne der Nachhaltigkeit und hoffentlich sogar der Kreislaufwirtschaft gewisse Wiederverwendbarkeits-Quoten erfüllen müssen. Im B2C-Bereich liegt diese Quote in den meisten Fällen ab 2030 bei 40% für die Transporteinheit, bei der Intralogistik oder innerbetrieblichen Logistik, in der Stretchfolien ja überwiegend zum Einsatz kommen, geht es um satte 100%.
Hierzu muss man wissen: Gemäß PPWR errechnen sich diese Prozentsätze nicht anhand der Masse-Anteile, sondern anhand der einzelnen Elemente der Transporteinheit. Besteht eine solche Einheit zum Beispiel aus einer Palette, Stretchfolie, Kartons und Zwischenlagen, so müssen mindestens zwei dieser vier Elemente Mehrweg-fähig sein, um die 40% zu erreichen.
Mit anderen Worten: Die herkömmliche Stretchfolie muss bis 2030 aus vielen Transporteinheiten verschwinden. Denn die Ansätze, sie wiederzuverwenden, sind vermutlich nicht erreichbar. „Es müssen also neue, PPWR-konforme Ansätze gefunden werden. Das können faserbasierte Alternativen sein, die wir auch schon für Kunden identifiziert haben. Oder wiederverwendbare Lösungen, die es auch schon im Markt gibt. Es muss ein Umdenken stattfinden, wie eine transportsichere Befestigung erfolgen kann und nicht, wie die bisherige Stretchfolie wiederverwendbar wird.“, sagt Peter Désilets, Geschäftsführer von Pacoon. Schon im vergangenen Jahr hat Pacoon sich dieses Themas in einem Projekt für einen US-amerikanischen Softdrink-Hersteller angenommen. Und siehe da: Es gab gleich mehrere Lösungen für die verwendeten Einwegbehälter.
Nachhaltige Verpackung: Auf der Suche nach ökologischen Alternativen zur Stretchfolie
In dieser Branche kommt es zu unzähligen B2B-Transporten und entsprechendem Einsatz von Stretchfolie. Und es gibt tatsächlich bereits eine ganze Reihe an PPWR-konformen Alternativen. Im Wesentlichen verfolgen die Hersteller dabei drei Ansätze.
Ansatz #1: Mehrwegverpackungen ersetzen Stretchfolie
Eine naheliegende Möglichkeit besteht darin, die aus mehreren Elementen bestehende B2B-Transporteinheit durch eine einzige Mehrwegverpackung zu ersetzen. Eine solche Lösung bietet zum Beispiel das Münchener Startup The Ocean Package. Das junge Unternehmen stellt Boxen für den E-Commerce und Transporteinheiten her, die auch für den Versand zwischen Lagern und zu Filialen geeignet sind. Die Kunststoffboxen von The Ocean Package sind stapelbar, laufbandfähig, und man kann sie flach zusammenfalten. Sie können rund 30 bis 50-mal eingesetzt werden, sind einfach in die Abpackprozesse integrierbar und das Startup hat passende Klebebänder und Etiketten ausgewählt, die sich rückstandfrei ablösen lassen. Der Gewinn it erheblich, rechnet Peter Désilets vor: „Schon bei 4 bis 5 Umläufen sparen diese Kisten Kosten gegenüber Einweg-Kartonage, insbesondere wenn immer dieselben Abnehmer oder Filialen beliefert werden. Statt die Kartons zu entsorgen und zu recyceln, können die Kisten flachliegend auf einer Palette gesammelt werden und zurück zur Befüllung transportiert werden.“
The Ocean Package arbeitet darüber hinaus mit PP-Rezyklaten aus Meeresplastik und erfüllt automatisch schon die Anforderungen an Rezyklateinsatz. Beim End-of-Life sind diese auch problemlos recycelbar und können zu neuen Kisten verarbeitet werden. Peter Désilets kennt den Ansatz: „Ich habe mein erstes Praktikum nach dem Studium in einer Firma im Elsass absolviert, die mit genau solchen PP-Hohlkammerplatten arbeitete und auch heute noch aktiv ist. Schon damals waren wiederverwendbare Industrieverpackungen im Fokus. Aber auch Antistatik-Verpackungen konnten damit erfüllt werden, was besonders in der Elektronikindustrie eine hohe Bedeutung erfährt. Daher freue ich mich, dass ich nach über 30 Jahren Berufsleben wieder mit diesen Kisten in Kontakt komme und sich diese als relevante Alternative anbieten.“
Andere Hersteller setzen auf kartonbasierte Transportverpackungen. Bis zu dreilagige, robuste Palettenkartons, die passgenau auf Europaletten sitzen. Sie sind mehrwegfähig, stapelbar, automatisierbar und entsprechend PPWR-konform. Sobald sie nicht mehr einsatzfähig sind, werden sie mit anderen Kartonagen dem Altpapier zugeführt. Eine Renaissance werden auch andere Gitterwagen oder Boxen erleben.
Ansatz #2: Gibt es auch nachhaltige Stretchfolie?
Einen anderen Weg geht zum Beispiel das Solinger Familienunternehmen Brangs + Heinrich. Es stellt klassische Verpackungsfolien her – die allerdings allesamt recyclebar sind. Die PPWR-konformen Folien gibt es mit unterschiedlichen Regenerat-Anteilen aus PIR- oder PCR-Regranulaten. Mit „Closed Loop Recycling“ bietet das Unternehmen außerdem an, Folien-Abfälle abzuholen und daraus neue Kunststofffolien mit hohen Regenerat-Anteilen herzustellen.
Oder aber: Man erzeugt die Folien gleich aus Papier, wie etwa die niedersächsische borrmannplus. Ihr StretchPaper wird zu 100 Prozent aus PEFC-Papier hergestellt, ist vollständig recycelbar, biologisch abbaubar und eignet sich für manuelle und maschinelle Anwendungen gleichermaßen. Mit PaperWrap bietet auch Brangs + Heinrich ein ähnliches Produkt. Auch Mondi bietet ein solches Wrapping-Papier und bietet zusammen mit Maschinenherstellern die Anbringung in Industrieabpackanlagen an.
Den Anbietern ist die Skepsis, die ihnen entgegenschlagen dürfte, offenbar bewusst. Dementsprechend berufen sie sich auf entsprechende Härtetest und Zertifizierungen, die die Alltagstauglichkeit ihrer Lösungen glaubhaft machen.
Auch Neenah Gessner hat ein 45 Gramm dünnes Papier im Angebot, das auf den gängigen Stretchmaschinen zum Einsatz kommen kann. „Auf unserer SOLPACK 6.0 – Konferenz für nachhaltige Verpackungslösungen im Rahmen der FACHPACK 2025 haben wir diese Lösung vorgestellt. Mehrere Unternehmen nutzen dieses Spezialpapier auch schon“, so Peter Désilets.
Ansatz #3: Umweltfreundlich auf völlig neuen Wegen
Im Jahr 2024 ging in den Niederlanden return2sender mit einer gleich doppelt nachhaltigen Innovation an den Start. Die Gründer stellen aus gebrauchten Big Bags, die üblicherweise im Müll landen, eine Hülle her, die über die auf der Palette gestapelte Ladung gestülpt und mit Spanngurten an der Palette fixiert wird. Die Gurte sichern zugleich gegen seitliches Verrutschen. Außerdem sind sie so dimensioniert, dass man sie an unterschiedliche Palettengrößen und Ladungsarten anpassen kann. Die nach Ladungssicherheits-Standard EUMOS 40509 zertifizierte Folie namens Elvis kann mehr als 100-mal verwendet werden. Ein beeindruckendes Beispiel, wie man Packaging völlig neu denken kann. „Diese Lösungen zeigen eindrucksvoll, wie sehr das Sprichwort ‚Not macht erfinderisch‘ zutrifft. Die Branche wird Lösungen finden, die den Ladungssicherungs-Anforderungen genügen und den Verpackungsabfall und die -Menge reduzieren – genau was die PPWR bezweckt“, meint Désilets.
Herkömmliche Stretchfolien werden es mit der PPWR schwer haben
Es gibt also Alternativen, und sie werden immer mehr. Die Stretchfolie ist schon so lange Bestandteil vor allem von B2B-Verpackungen, dass das Nachdenken über neue Zugänge und Lösungen verkümmert ist. Sollten die Folien tatsächlich aus den Regelungen der PPWR ausgenommen werden, wäre das eine Niederlage, in der exzellente Alternativen auf der Strecke bleiben.
Peter Désilets: „Daher plädieren wir dafür, dass die heutigen Vorgaben der PPWR für Transporteinheiten bestehen bleiben und zum Beispiel in Sonderfällen eine Ausnahme erfahren. Im Rahmen unseres Kundenprojektes kamen natürlich auch Themen auf wie der Warentransport nach Zypern, die Kanarischen Inseln oder Übersee-Destinationen.“
Generell können heute schon Bestrebungen von Nicht-EU-Ländern beobachtet werden, sich den PPWR-Anforderungen anzupassen. Solange es aber schwer oder ökologisch wenig sinnvoll ist, Mehrwegbehälter aus weit abgelegenen, kleinen Märkten wieder in der EU in Umlauf zu bringen, sollte auch die Option einer Ex-EU-Nutzung mit entsprechender Nachverfolgung ermöglicht werden. Der US-Softdrinkhersteller hat übrigens schon im Sommer 2024 mit dem Projekt Mehrweg für Transportbehälter direkt gestartet. Vier bis fünf Jahre für einen Reuse-Loop sind eine sehr kurze Zeit mit allen Genehmigungen, Zertifikaten, digitalen Trackingcodes und Hygienezertifikaten für die Reinigung. „Um hier eine Hilfestellung zu bieten, haben wir mit Partnern das Netzwerk 360Reuse gegründet, um im B2B-Bereich alle Services für diese Herausforderung abzudecken, von der Analyse der Anforderungen über die richtigen Behälter für Hygiene und Haltbarkeit, über die digitale Nachverfolgung und bis zu Hygienezertifikaten für die Reinigung auch für Halal und Koscher-Produkte“, sagt Peter Désilets.
