In unseren Workshops hat sich eines klar gezeigt: Die Theorie der EU-Verpackungsverordnung prallt oft hart auf die organisatorische Praxis. Es reicht nicht, im Sinne der Kreislaufwirtschaft „nachhaltiger“ werden zu wollen. Man muss datengetrieben, transparent und radikal ehrlich mit den eigenen Prozessen umgehen.
„Die PPWR ist komplex”, betont Peter Désilets, Geschäftsführer von Pacoon. „Die Menge an Packungen im Unternehmen erscheint häufig als ‘nicht handhabbar’. Jedoch zeigt sich in unseren Workshops, dass mit dem richtigen Screening und der Strukturierung der Verpackungen auf Basis einer Packungs-Artikelliste auch zigtausende SKU schnell zu ordnen sind.” Häufig halten einen aber die schiere Furcht vor der Artikelmenge davon ab, anzufangen.
Hier sind 10 wichtige praxisnahe Learnings aus den Workshops, die Sie kennen müssen, um ab August 2026 nicht vor verschlossenen Markttüren zu stehen.
1. Das Rollen-Roulette der PPWR: Wer bin ich eigentlich?
Die vielleicht größte Überraschung in unseren Workshops ist oft die Erkenntnis, dass Unternehmen ihre eigene Rolle im Sinne der PPWR falsch einschätzen.
Bin ich Hersteller? Erzeuger? Importeur? Oder nur Händler?
Das Learning:
Es gibt selten nur eine Rolle. Ein Unternehmen kann gleichzeitig Lieferant für eine Komponente (z.B. den Verschluss), Erzeuger für die Transportverpackung (Palette + Folie) und Importeur für ein Zubehörteil sein. Jede dieser Rollen löst unterschiedliche Pflichten aus: von der Datenlieferung bis zur vollen Haftung für die Konformitätserklärung. Wer seine Rolle nicht pro Nutzungsszenario definiert, riskiert die Einhaltung der Compliance.
2. Deutschland prescht vor: Das Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz setzt neue Standards
Viele warten auf Brüssel, dabei werden in Berlin schon Fakten geschaffen. Das kommende Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz nimmt Teile der PPWR für den deutschen Markt vorweg – sofern es in seiner jetzigen Entwurfsform verabschiedet wird. Auch Frankreich hat heute schon viele Anforderungen, die mit der PPWR ab 2030 EU-weit Geltung finden.
Das Learning:
Planen Sie nicht erst für die großen EU-Fristen. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Deutschland ab August 2026 (geplant) erste Anforderungen an die Verpackung scharf schaltet und Frankreich schon hohe Anforderungen hat. Die PPWR ist also quasi schon da. Wer hier schläft, verliert seinen wichtigsten Absatzmarkt, noch bevor die EU-weite Bürokratie voll greift.
3. Verpackungsmanagement vs. Kategorien-Chaos: Einheitsbrei funktioniert nicht
Verkaufsverpackung, Transportverpackung, E-Commerce-Verpackung, HoReCa-Verpackung oder Getränkeverpackung? Die Einordnung ist nicht trivial, aber entscheidend für das Business.
Das Learning:
Die Anforderungen der PPWR an die Verpackung unterscheiden sich massiv je nach Kategorie und nach Anwendungs-Szenarien innerhalb der Kategorien oder auch übergreifend. Für Transportverpackungen gelten beispielsweise bald strenge Mehrwegquoten, die für Verkaufsverpackungen so nicht existieren – außer sie werden im Austausch mit anderen Wirtschaftsakteuren verwendet. Eine falsche Kategorisierung kann dazu führen, dass Sie teure Mehrwegsysteme aufbauen, wo keine nötig wären – oder umgekehrt, dass Sie gesetzliche Mehrwegpflichten ignorieren und sanktioniert werden oder kurzfristig reagieren müssen. Neue Systeme aufzubauen dauert viel Zeit.
4. PPWR-Compliance braucht Daten-Diät: Komplexität radikal reduzieren
In unseren Workshops sehen wir oft Excel-Listen mit 5.000 oder zigtausend Artikelnummern. Der erste Impuls: Panik. Wie soll man für diese Vielzahl von Artikeln Konformitätserklärungen erstellen? Leider eilt die Datenanforderung für die PPWR-Compliance den ERP-Systemem voraus, die noch Lücken aufweisen.
Das Learning:
Die Lösung liegt im Clustern. Aus zigtausenden SKUs werden oft wenige hundert oder noch weniger „Verpackungstypen“, die wir Szenarien nennen. Ein Joghurtbecher bleibt ein Joghurtbecher, egal ob Erdbeer- oder Kirschjoghurt eingefüllt ist. Die Vereinfachung der Strukturierung im ERP-System ist der Schlüssel zur Bewältigung der Datenflut.
5. Der blinde Fleck der Verpackungsstrategie: Transportverpackungen und Recycling
Während bei der Primärverpackung oft jedes Material identifiziert ist, herrscht bei der Transportverpackung oft Ahnungslosigkeit. Welche Transportverpackungen werden genutzt, hat jede Transportverpackung eine Artikelnummer, und wurden Transporteinheiten identifiziert und benannt?
Das Learning:
Es fehlt massiv an Datengrundlagen für die Tertiärverpackungen. Doch die Verordnung unterscheidet hier nicht. Auch für die Palette und die Transportsicherung müssen verbindliche Daten für die Konformitätserklärung vorliegen. Starten Sie frühzeitig den Dialog mit Ihren Logistik-Dienstleistern und Folienlieferanten und vergeben Sie Artikelnummern!
6. Die ERP-Illusion: Es gibt keine „One-for-All“-Lösung für Compliance
Viele IT-Abteilungen versprechen: „Das nächste Update unseres ERP-Systems kann das.“ Unsere Erfahrung sagt: Nein, kann es nicht. Zumindest nicht jetzt und nicht in der nötigen Tiefe. Die PPWR-Komformität erfordert Antworten, die in keinem ERP-System vorliegen. Diese Datenfelder müssen erst aufgebaut und mit Informationen gefüllt werden. Wie schnell das funktioniert, hängt auch von Ihrem IT-Dienstleister ab.
Das Learning:
Die meisten ERP-Systeme sind Finanz- und Logistik-Tools, keine Compliance-Maschinen für komplexe Materialfraktionen. Darauf zu warten, dass SAP und Co. eine Plug-and-Play-Lösung für den PPWR-Check liefern, ist eine Wette auf Zeit, die Sie verlieren könnten. Es braucht Brückenlösungen und spezialisierte Tools für die neuen Anforderungen (wie unseren PPWR Check©), um die Lücke zwischen Status Quo und Compliance 2026 zu schließen.
„Unser Webtool ist darauf ausgerichtet, die notwendigen Daten auch von Lieferanten einzuholen und zu verwalten”, sagt Peter Désilets. „Diese Daten können später wieder in die ERP-Systeme integriert werden, wenn diese vorbereitet wurden. Wir sehen uns nicht als neue ERP-Lösung, sondern als Brücke.”
7. Das Rätsel der Konformitätserklärung: Welches Unternehmen liefert welche Daten?
Wer erstellt sie? Der Lieferant der leeren Schachtel oder der Markenartikler, der sie befüllt? Und wie muss dieses Dokument aussehen?
Das Learning:
Die Verantwortung wird in der Lieferkette oft wie eine heiße Kartoffel weitergereicht. Klar ist: Am Ende muss eine möglichst digitale, rechtsgültige Erklärung stehen. Klären Sie vertraglich, wer welche Daten liefert. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass der Vorlieferant „schon irgendwas schicken wird“. Ohne valide Datenbasis keine Konformitätserklärung – und ohne Erklärung riskieren Sie den Verkauf Ihrer Waren.
8. Inbound-Check der Lieferkette: Mehrweg ist keine Einbahnstraße
Die PPWR fordert nicht nur, dass Sie Mehrweg anbieten, sondern regelt auch, wie Sie Ware empfangen und im Loop führen.
Das Learning:
Unternehmen müssen ihre Inbound-Prozesse auf den Prüfstand stellen. Sind Ihre Lagerprozesse darauf ausgelegt, Mehrweg-Transportverpackungen von Lieferanten anzunehmen, zu lagern und zurückzuführen oder selbst zu reinigen? Zusammenarbeit entlang der Supply Chain ist hier nicht mehr optional, sondern operativ notwendig. Und sprechen Sie mit Ihren Lieferanten, um rechtzeitig die Komplexität der Varianten zu reduzieren und den Aufwand für Sie beherrschbar zu machen.
Peter Désilets: „In der ENFIT-Arbeitsgruppe 360 ReUse entwickeln wir mit Experten entlang der Mehrweg Supply Chain und Unternehmen die Standards und Lösungen für Mehrweg-Behälter. Denn einen Behälter wieder zu befüllen, ist eine Sache. Den Inhalt kontaminationsfrei und hygienisch zu führen und rückzuverfolgen, ist eine ganz andere Herausforderung.”
9. Der globale Blick auf die EU-Verordnung: Alle Märkte, alle Packungen
Ein häufiger Irrtum: „Wir machen das erstmal für unsere Top-Seller in Deutschland.“ Wussten Sie, dass heute schon in allen Ländern der Welt auch Transportverpackungen registriert und häufig auch schon die Verpackungsmengen reportet werden müssen? Unabhängig davon, ob Sie Entsorgungsgebühren zahlen müssen.
Das Learning:
Die neue EU-Verpackungsverordnung gilt für den gesamten EU-Binnenmarkt. Wenn Sie nach Frankreich, Italien oder Polen exportieren, müssen alle dortigen Verpackungen konform sein. Termine und Registrierungspflichten in den nationalen Registern (wie LUCID in DE und den Pendants in anderen Ländern) müssen penibel überwacht werden. Und auch Transportverpackungen müssen registriert werden,sollen sie nicht im Zoll festhängen.
10. Artworks der Verpackung am Limit: Die Zeit läuft
Änderungen am Verpackungsdesign dauern lange. Wer schon einmal einen Relaunch begleitet hat, weiß: Vom fertigen Design bis zum Regal vergehen Monate.
Das Learning:
Ab 12. August 2026 müssen Artworks an die Vorgaben der Kennzeichnung angepasst sein. Das betrifft die korrekte Herstellerkennzeichnung und ab September 2026 auch die Überprüfung aller „Green Claims“ gemäß der EmpCo-Richtlinie (Empowering Consumers to the Green Transition). Wer jetzt nicht mit dem Redesign beginnt, riskiert, 2026 tonnenweise Verpackungsmaterial vernichten zu müssen oder Strafen zu zahlen, weil die Druckbilder nicht rechtskonform sind.
Handeln statt Hoffen
Die PPWR ist ein Change-Projekt, das weit über die Nachhaltigkeitsabteilung hinausgeht. Sie betrifft den Einkauf, die IT, die Produktion, das Marketing und die Logistik. Unsere Workshops zeigen immer wieder: Sobald alle Stakeholder an einem Tisch sitzen und die Daten transparent gemacht werden, verliert das Monster seinen Schrecken. Es wird zu einer Aufgabe, die man lösen kann. Aber man muss jetzt damit anfangen.
„Dabei helfen wir Unternehmen gerne und gehen anhand dieser zehn Learnings die Verpackungsportfolios durch, clustern die Verpackungen und prüfen die Informationen für die Konformitätserklärung”, sagt Peter Désilets.
Die Vorarbeit liegt beim Kunden, der einen Überblick über seine Verpackungen und die Anwendungsszenarien vorbereiten sollte. Dann können in zwei bis drei Tagen konzentrierter Arbeit tausende von Verpackungstypen strukturiert und für die Konformtitätserklärung vorbereitet werden.
„Diese erstellen wir dann über unseren Datenserver und verknüpfen die relevanten Dokumente. Und mit Kooperationspartnern wie Jelena Dimitrijevic von RegFocus Consulting bei Themen wie Inhaltsstoffen, besorgniserregenden Stoffen, Kontaktsensitivität oder Reach können wir auch mehr Klarheit in diese Themen bringen. Oder die ERP-Systeme anpassen mit unseren Daten für die Konformitätserklärung.”
