Die PPWR ist kein Gesetz, das man nebenbei „abarbeiten“ kann. Ab August 2026 gibt es kein Entkommen. Wer dann keine lückenlose Konformitätserklärung vorlegen kann, riskiert empfindliche Strafen bis hin zum Verkehrsverbot für seine Produkte. Viele Unternehmen wiegen sich in falscher Sicherheit, überzeugt davon, ihre Rolle in der Lieferkette zu kennen und die Daten im Griff zu haben. Die kontroverse Wahrheit ist: Viele Unternehmen nehmen mehrere Rollen ein statt nur „Lieferant“ oder „Hersteller“. Diese Unkenntnis stellt einerseits eine Gefahr für die Konformität und Marktfähigkeit Ihrer Produkte dar und kann gleichzeitig zu Übererfüllung führen.
Ein Workshop zur PPWR ist daher keine nette Zusatzleistung. Er ist der Beginn einer Überlebensstrategie. Es ist der Moment, in dem das interdisziplinäre Team am Tisch sitzt, die Produktlisten auf dem Tisch liegen und die vermeintlich klare Welt der Verpackungen in ihre komplexen Einzelteile zerlegt wird. Wir nehmen Sie mit auf eine solche Expedition.
Tag 0: Ordnung in die Daten kriegen
Die effizienteste Expedition beginnt lange vor dem Aufbruch. Der größte Feind eines erfolgreichen Workshops ist die Datensuche vor Ort. Minuten, die mit der Jagd nach Artikelnummern oder Materialspezifikationen verbracht werden, sind verlorene Zeit.
Daher beginnt unsere Reise an Tag 0 mit einer klaren Mission für das Unternehmen: Sammeln Sie Ihre Daten!
Das Ziel ist eine zentrale Liste, die alle Produkte, Verkaufsverpackungen und Transportverpackungen umfasst. Optimalerweise enthält sie:
- Artikelnummern und Bezeichnungen
- Möglichst genaue Materialbezeichnungen
- Zugehörige Transporteinheiten (Palette, Karton, Folie)
Diese Liste ist natürlich selten perfekt. Mal sind die Transportverpackungen nur als "Palette diverse" im ERP-System erfasst, mal fehlt die genaue Materialfraktion der Folie. Aber selbst eine unvollständige Liste ist besser als keine. Sie ist die Landkarte, mit der wir am nächsten Tag die Expedition starten.
Tag 1: Die Landkarte entziffern
Vormittag: Theorie und Paragrafen
Wir starten tief im Dickicht der PPWR. Es geht um Definitionen. Wer ist „Hersteller“? Wer ist „Importeur“? Wer ist „Lieferant“ oder „Händler“? Und was bedeutet es, ein „Erzeuger“ zu sein? Die meisten Teilnehmer sind überrascht von der Komplexität. Ein Unternehmen kann für dasselbe Produkt mehrere Rollen gleichzeitig einnehmen, was unterschiedliche Pflichten auslöst. Wer leere Flaschen produziert und an einen Abfüller liefert, ist „Lieferant“ für die Flasche. Für die Palette und die Stretchfolie, mit der die Flaschen transportiert werden, ist er aber plötzlich „Erzeuger“. Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie bestimmt, wer die Konformitätserklärung erstellen muss.
Nachmittag: Der Gang durch die heiligen Hallen
Nach der Theorie folgt die Praxis: eine Betriebsführung. Wir wandern durch Produktion, Abfüllung und Lager. Hier, zwischen Maschinen und meterhohen Palettenregalen, wird die PPWR greifbar. Wir sehen die kundenspezifische Transportverpackung, die in keiner Stückliste auftaucht. Wir entdecken die Promo-Aktion mit dem zusätzlichen Sleeve, der datentechnisch nie erfasst wurde. Die Betriebsführung ist kein Sightseeing. Sie ist ein Realitätscheck, der die Lücken zwischen ERP-System und gelebter Praxis schonungslos aufdeckt.
Tag 2: Das große Clustern
Mit den Erkenntnissen aus dem Betrieb kehren wir in den Workshop-Raum zurück. Jetzt beginnt die eigentliche Detailarbeit: das Clustern. Ein Portfolio aus tausenden Verpackungs-SKUs lähmt jede Initiative. Der schnelle Weg, die Komplexität zu beherrschen, ist die Bildung von sinnvollen Verpackungstyp-Gruppen.
Wir unterteilen das gesamte Sortiment in 4 Verpackungs-Kategorien©, die wir aus der PPWR abgeleitet haben und die jede für sich besondere Anforderungen haben:
- Verkaufsverpackungen
- Transportverpackungen
- E-Commerce-Verpackungen
- HoReCa-Verpackungen
- Getränkeverpackungen
Innerhalb dieser Kategorien bilden wir Cluster. Ein Beispiel: Der Joghurtbecher aus PS, der für 20 verschiedene Fruchtsorten verwendet wird, bildet ein einziges Cluster. Die Konformitätserklärung kann für diesen gesamten Cluster erstellt werden, da sich nur das Druckbild unterscheidet, nicht aber die verpackungsrelevanten Eigenschaften. Durch dieses Vorgehen reduzieren wir ein Portfolio von tausenden Artikeln auf zig Varienten managebarer Szenarien.
Anschließend folgt die Stunde der Wahrheit: die Rollenklärung pro Cluster in einer Matrix. Hierzu werden kritische Fragen gestellt:
- Importieren Sie diese Verpackung aus einem Drittstaat? (-> Importeurspflichten!)
- Verändern Sie die Verpackung, bevor Sie sie weiterverkaufen?
- Bringen Sie sie unter Ihrer eigenen Marke in Verkehr?
- Ist Ihr Kunde ein Kleinstunternehmen, das von bestimmten Pflichten befreit ist? (-> Dann fallen die Pflichten auf Sie zurück!)
Diese Arbeit ist mühsam. Aber sie ist die unverzichtbare Grundlage, um rechtssicher agieren zu können.
Tag 3: Digitale Werkzeuge und der Weg zur Erklärung
Der Vormittag gehört den Transporteinheiten. Was genau befindet sich auf einer Standardpalette? Welche Umkartons, welche Stretchfolie, welche Umreifungsbänder kommen zum Einsatz? Oftmals sind diese Informationen in den Köpfen der Lagermitarbeiter, aber nicht im System. Wir dokumentieren diese Einheiten und verknüpfen sie mit den Produktclustern.
Am Nachmittag kommt Technologie ins Spiel. Um die Konformitätserklärung effizient vorzubereiten, nutzen wir unser Webtool „PPWR Check©“. Die zuvor erstellten Cluster-Daten und Szenarien der Verpackungstypen nach Verpackungskategorien werden über Excel-Templates in Sekundenschnelle hochgeladen. Das Tool analysiert die Daten und liefert pro Szenario eine klare Aufstellung der gestaffelten Anforderungen für 2030, 2035, 2038 und 2040.
Das Ergebnis ist ein Report, der als Basis für die Konformitätserklärung dient. Hier werden alle relevanten Informationen abgefragt: Besorgniserregende Stoffe, Nachweise zur Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteile, Minimierung etc. Wir spielen exemplarische Fälle durch, wie diese Informationen auszufüllen sind, damit das Team anschließend selbstständig arbeiten kann. Häufig müssen die Daten erst abgefragt und gesammelt werden, manche Ergebnisse können wir groß andeuten wie z.B. die Recyclingfähigkeit und ein Risiko des Verbots oder der mangelnden Zielerreichung.
Die Informationen aus den Heatmaps des Status Quo und die weiteren Dokumente verknüpfen wir dann über unsere eigene Serverplattform zu Konformitätserklärungen, die digital signiert werden können und abgelegt werden. Das wird ab ca. Anfang 2. Quartal 2026 der Fall sein, damit spätestens bis zum Stichtag die finalen, digital signierten Konformitätserklärungen vorliegen bzw. die Informationen an die Kunden weitergeleitet werden können.
Tag 4: Kunst und Zukunft
Die PPWR ist nicht das einzige Gesetz, das Kennzeichnungen fordert. Auch die Empowering Consumers to the Green Transition (EmpCo) stellt ab September 2026 strenge Regeln für Umweltaussagen auf. Um zu vermeiden, dass Artworks mehrmals kostspielig geändert werden müssen, prüfen wir beispielhaft bestehende Designs. Was darf bleiben? Wo müssen „recyclingfähig“-Aussagen weichen? Welche Pflichtkennzeichnungen müssen ergänzt werden? Welche Aussagen sollten im Zweifel anwaltlich geprüft werden.
Zum Abschluss der Expedition blicken wir in die Zukunft. Wir geben einen detaillierten Ausblick auf die kommenden Anforderungen wie Mehrwegpflichten, Recyclingfähigkeitsnachweise und Minimierungsziele. Da viele Details erst durch sekundäre Rechtsakte der EU-Kommission geklärt werden, ist dieser Ausblick ein lebendes Dokument.
Bereit für die neue Welt?
Nach vier intensiven Tagen ist das Team erschöpft, aber erleichtert. Aus dem nebligen Ungetüm PPWR ist ein klarer Fahrplan geworden und das Sortiment ist geclustert und auf ein handhabbares Maß reduziert worden. Die Teilnehmer verstehen ihre Rollen, kennen ihre Datenlücken und haben einen Prozess, um die Konformität für ihr gesamtes Sortiment zu managen. Einzelne Detailfragen werden immer wieder auftreten.
Die Expedition zeigt: Die PPWR-Konformität ist kein IT-Projekt und keine reine Aufgabe der Nachhaltigkeitsabteilung. Sie ist eine interdisziplinäre Teamleistung, die strategische Vorbereitung, operative Detailarbeit und die richtigen digitalen Werkzeuge erfordert. Wer jetzt nicht startet, wird im August 2026 feststellen, dass sein Schiff leider im Hafen bleiben muss.
Sind Sie bereit für Ihre Expedition?
Kontaktieren Sie uns. Wir helfen Ihnen, Ihre Landkarte zu zeichnen und Ihre Mannschaft sicher durch den PPWR-Dschungel zu führen.
