Österreichs Biertrinker haben eine besondere Eigenart: Sie greifen überproportional häufig zu Glasflaschen. Bei der Brau Union, dem größten Brauereiunternehmen des Landes, machen die Mehrweg-Glasflaschen mit fast der Hälfte den größten Anteil am Verpackungsmix aus. Die klassische Bierflasche kann rund 40-mal wiederbefüllt werden, bevor sie rezykliert werden muss. Gegen die Flaschen spricht aus Sicht der Konsument:innen vor allem ein Aspekt: Sie sind relativ schwer.
Mehrweg wird leichter, härter und transportoptimiert
Als Verpackungs-Riese Vetropack im Jahr 2024 gemeinsam mit der Brau Union eine neue Flasche auf den Markt brachte, war deren Masse eines der Hauptargumente. Die 0,33-Liter-Flasche wird durch ein neuartiges Verfahren thermisch gehärtet, was sie mit 210 Gramm um rund ein Drittel leichter macht als herkömmliche Glasflaschen. Zugleich ist sie widerstandsfähiger – Vetropack schätzt, dass die Flasche um rund 20 Prozent mehr Umläufe schaffen kann.
Und ein dritter Aspekt war Teil der Designüberlegungen. Gemeinsam mit mehreren Partnern hat Vetropack eine Flaschen- und Kastenform entwickelt, die mehr Kästen-Reihen auf einer Palette erlaubt. Mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Transportaufwände.
Die kleine Bierflasche setzt den Hebel an zwei der wichtigsten Argumente an, die gegen Mehrweg-Glasflaschen sprechen: die vergleichsweise hohe Masse und die Transportwege zur erneuten Abfüllung, die erhebliche CO2-Ausstöße verursachen.
Mehrweg und Einweg haben unterschiedliche Potenziale
„Dies sind nur einige Beispiele, an welchen Stellschrauben es noch viel Potenzial gibt, die bestehenden, seit Jahrzehnten praktizierten Prozesse und Produkte deutlich zu optimieren”, sagt Peter Désilets, Geschäftsführer von Pacoon. „Und dabei geht es nicht um kleine Feinheiten, sondern um große Optimierungen, die das ganze Mehrwegsystem voranbringen. Das ist der große Unterschied zu Einwegverpackungen, die im Wesentlichen von eher marginalen Fortschritten leben, die sehr viel im End of Life und im Recycling angesiedelt sind.”
PET oder Glas? Mehrweg oder Einweg? Ökobilanz im Wandel
Im Jahr 2023 beschäftigte sich das Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in einer umfangreichen Studie mit den Ökobilanzen von PET-Einwegflaschen sowie Mehrwegflaschen aus PET und Glas. Dabei zeigten vor allem die 1,5-Liter-PET-Einwegflaschen Vorteile gegenüber den beiden anderen Arten von Verpackung.
Das scheinbar eindeutige Ergebnis bei der Umweltbilanz unterliegt allerdings Einschränkungen. Einerseits heißt es in der Studie: „Das gerechnete PET-Einweg-System ist für den Betrieb immer auf Input von Neumaterial bzw. Recyclingmaterial von außen angewiesen.“ Zugleich weisen die Studienautor:innen selbst darauf hin, dass die „Abbildung der Mehrwegflaschen (…) auf Basis einer aktualisierenden Fortschreibung älterer Studienergebnisse (GDB 2008 und IK 2010)“ erfolgte. „Mögliche Optimierungspotenziale innerhalb der Mehrwegsysteme sind nicht Gegenstand der Untersuchung.“
Genau diese Optimierungspotenziale sind es aber, die Peter Désilets für sträflich unterschätzt hält. „Wir sehen heute auch in anderen Bereichen von Mehrwegverpackungen, wie durch leichtere aber stabile Kunststoffverpackungen bis hin zu sehr haltbaren Materialien für viele Umläufe die Hebel der Nachhaltigkeit optimiert werden. Wir selbst arbeiten an haltbareren Gläsern durch eine spezielle Härtung, die auch nestbar sind. Auch der Kasten ist ganz neu konzipiert und erlaubt in Verbindung mit den Gläsern ein Nesten der leeren Kästen – bis zu 40 Prozent Platzersparnis auf der Palette wären erreichbar. Und schließlich wollen wir das Thema Mehrwegdeckel angehen, das bisher noch nicht angefasst wurde.”
Produktionsprozesse machen Furore
Wie disruptiv Entwicklungen auch in Prozessen sein können, die für ausgereizt gehalten werden, zeigt der Durchbruch, den chinesische Forscher:innen nach eigenen Angaben kürzlich geschafft haben. Ihre neue Methode des „Flash Ironmaking“ soll es möglich machen, aus Eisenerz binnen weniger Sekunden reines Eisen zu gewinnen – ein Prozess, der bisher rund fünf bis sechs Stunden gedauert hat. Die Einsparung an Energie und Zeit beträgt demnach ungefähr 3.600 Prozent.
In eine ähnliche Richtung gehen Forschungen am Max-Planck-Institut für nachhaltige Materialien: Eine Designstudie zeigt, wie man Gewinnung, Herstellung, Mischung und Verarbeitung von Metallen in einem einzigen Schritt vereinen kann. Die Methode hat ein Energie-Einsparungspotenzial von 40 Prozent, und der Einsatz von Wasserstoff statt Kohle würde CO2-Emissionen auf Null stellen.
Mehrwegflaschen aus Glas: Neue Methoden öffnen Türen
Gibt es ähnlich spektakuläre Durchbrüche bei der Glasproduktion? Im Jahr 2023 nahm der Verpackungshersteller Ardagh Group in seinem Werk im niedersächsischen Obernkirchen die so genannte NextGen-Schmelzwanne in Betrieb. Die Prozesswärme für die hier hergestellten Braunglas-Flaschen basierte davor zu rund 90 Prozent auf Gas und zu zehn Prozent auf Strom. Heute ist es nahezu umgekehrt: Bis zu 80 Prozent der Schmelzenergie kommen von Elektroden –– die aus erneuerbaren Energiequellen gespeist werden –, und nur 20 Prozent von Flammstrahlung. Die Bilanz: Jährlich werden im Werk um die 45.000 Tonnen Kohlenstoff-Emissionen eingespart. Gleichzeitig stieg der Anteil des eingesetzten Recycling-Glases auf ungefähr 70 Prozent.
Eine spezielle Methode der Glashärtung hat das sächsische Start-up ReViSalt erfunden: Sie griffen eine längst vergessene Methode aus DDR-Zeiten auf und entwickelten sie zur „schnellen chemischen Verfestigung“ weiter. Auch hier geht es um enorme Prozessbeschleunigung. Im Unterschied zum etablierten thermischen Verfestigen dauert es nun statt 24 Stunden nur noch 30 Minuten – mit dem Unterschied, dass das Verfahren auch bei sehr dünnwandigen Gläsern funktioniert. Die Methode ermöglicht, fast jedes Glasprodukt dünner, leichter, bruch- und kratzfester zu machen. Und das unter deutlich geringerem Material- und Energie-Aufwand.
„Wenn es also möglich ist, weniger Glas zu nutzen und durch die Häutung länger haltbar zu machen sowie den Energieaufwand und den CO2-Ausstoß in der Produktion deutlich zu reduzieren, dann verbessert das die Ausgangssituation der Behälter dramatisch”, betont Peter Désilets.
Zusammen mit besserer Transportlogistik in der Palettenauslastung und Gewichtsreduktion müssten demnach die Vergleiche zwischen Einweg und Mehrweg komplett neu berechnet werden. „Außerdem haben wir auch Segmente mit Einweggläsern oder stabileren Kunststoffbehältern für Saucen und Aufstriche, Marmeladen und Konserven im Blick. Da sieht das Verhältnis schon in der Ausgangssituation viel besser aus als bei Einwegpfand für Flaschen.”
Der Durchbruch führt auch über Transportwege und Logistik
Was bei Bierflaschen gängig ist, hat sich aus verschiedenen Gründen bei Wein nie durchgesetzt. Im Weinsegment geht der Weg zurück zur Wiederverwendung. Was früher üblich war, seine Leere Flasche zum Winzer seiner Wahl zurückzubringen und den Keller aufzufüllen, drückt sich heute immer mehr in der Verbreitung von Mehrwegflaschen aus. Die früher gängigen regionalen Spülzentren sollen dadurch wiederbelebt werden. Diese wurden durch die Zunahme der individuellen Flaschen unrentabel. Dann sollen die bis zu 50-mal befüllbaren Glas-Mehrwegflaschen aus speziellen Leichtglas helfen, die Emissionen von Transporten zu senken.
Die dezentrale Spüllogistik adressiert auch eines der zentralen Hindernisse, die Mehrweggebinden im Weg stehen: Wie leicht und bruchfest die Glasverpackungen auch immer sind – der Kreislauf von Rücknahme, Reinigung und erneuter Auslieferung ist weder besonders hoch automatisiert noch breit ausgerollt. Viele Abfüller spülen selbst, der Service durch unabhängige Dritte muss erst ausgeweitet werden, um auch kleinen Abfüllern die Nutzung von Mehrweg zu erleichtern. In dem Zuge werden Mietbehälter auch Kleinmengen rentabel machen. Unter der gleichen Einschränkung leiden auch die Mehrweg-Gebinde aus Kunststoff, bei denen das Argument der Masse ja nicht schlagend ist.
Peter Désilets rechnet auch hier mit entscheidenden Schritten: Je stärker Mehrwegbehälter aus Glas oder Plastik serialisiert werden, desto einfacher werden auch die entsprechenden Kreisläufe – und damit auch kostengünstiger. Seine Vision: Die Kombination aus harmonisierten Behältern und regional entstehenden Spülzentren wird es ermöglichen, das Leergut im regionalen Raum zu verteilen und damit die Transportwege beziehungsweise deren Emissionen massiv zu vermindern. Die Möglichkeit regionaler Transporte hätte einen weiteren großen ökologischen Vorteil: Schritt für Schritt könnte auch E-Mobilität Einzug in diese Kreisläufe halten und damit weitere gewaltige Emissionsmengen verhindern.
Das Fazit fällt für Peter Désilets eindeutig aus: „Die Mehrweglösungen versprechen generell eine deutliche Reduktion von Verpackungsmenge und -abfall, so wie es die PPWR erreichen will. Die eher schwachen Ziele bei Mehrweg könnten aber indirekt zu viel höheren Mehrwegquoten führen. Entweder, weil das Handeln von zwei Systemen unrentabel ist und damit Hersteller eher gewillt sind, Mehrweg auch – gezwungenermaßen – zu etablieren und Einweg auslaufen zu lassen. Oder weil andere Länder wie Frankreich in nationalen Gesetzen noch fordernder sind, Systeme sich schneller entwickeln und dann deutlich rentabler werden – und bei Einsparungen werden viele Hersteller ‘weich’ gegenüber festen Mehrwegbehältern. Nicht zu vergessen sind auch Ecofees und letztendlich Imagefaktoren.”
Pacoon wird in Kürze seine Glasbehälter chemisch härten um zu sehen, wie viel Glas einzusparen ist und wie sich die Behälter im Mehrweg verhalten. „Für 2026 streben wir einen Markttest für Saucen, Marmeladen, Aufstriche und Konserven an. Vielleicht können wir damit einige andere Mythen entkräften und für mehr Investitionssicherheit sorgen.”
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