Viele Unternehmen kämpfen noch mit den Konformitätserklärungen, doch bis zum Jahr 2030 warten noch ganz andere Hürden, wollen sie die Anforderungen der Packaging and Packaging Waste Regulation, kurz PPWR, erfüllen. Pacoon-Geschäftsführer Peter Désilets im Interview mit Martin Schwarz* über eine Branche im Umbruch.
Herr Désilets, seit dem 12. August 2026 gilt die EU-Verpackungsverordnung offiziell. Wie ist der Stand bei den Unternehmen bezüglich der PPWR?
Peter Désilets: Für sehr viele Unternehmen beginnt es jetzt erst. Eigentlich sollten Unternehmen mit diesem Stichtag ihre Konformitätserklärungen, die DoC, fertiggestellt haben. Aber ich schätze, dass das Jahr 2026 für mehr als die Hälfte weiterhin von dieser Aufgabe geprägt sein wird. Die Europäische Kommission ist ja durchaus gewillt, den Unternehmen bis Februar 2027 Zeit für die Einhaltung der Verordnung und die Durchführung von Änderungen einzuräumen. Aber die Geduld hat Grenzen, und wer nicht an der Konformität arbeitet, kann auch bestraft werden.
Im Moment geht es oft noch um die Basics der Compliance: Wir erhalten nach wie vor zahlreiche Anfragen nach unseren Workshops und Services, in denen wir zeigen, wie Unternehmen ihre Rollen definieren und ihre Portfolios prüfen und gruppieren können – und nicht zuletzt, wie sie die DoC und die dazugehörigen Unterlagen und Nachweise vorbereiten müssen.
Wir sehen durchaus, dass sich die Lieferanten zunehmend mit den PPWR-Verpflichtungen beschäftigen; in den vergangenen Wochen funktioniert die Bereitstellung der Daten für die technische Dokumentation immer besser. Dennoch herrscht nach wie vor große Unsicherheit insbesondere bezüglich der Rollen, und es gibt auch erheblichen Widerstand. Die großen Herausforderungen kommen aber noch, und die Unternehmen laufen sich gerade warm. Ich nenne es auch die Inventur der Verpackungen für die PPWR.
Von welchen Herausforderungen sprechen Sie?
Désilets: Ich erwarte, dass viele Unternehmen im letzten Quartal 2026 bzw. Anfang 2027 beginnen werden, sich auf die Vorgaben der PPWR für 2030 vorzubereiten. Hier wird es drei Schwerpunkte geben. Erstens die Frage, wie man recycelte Anteile in Kunststoffe integrieren kann. Dass viele Fragen der Verfügbarkeit, der Herkunft und der Qualität von geeigneten Rezyklaten noch offen sind, macht diese Aufgabe nicht gerade einfacher. Auch die konkrete Entwicklung der Preise bleibt abzuwarten, denn wir wissen noch nicht, wie sich die erhöhte Nachfrage und das gerade schrumpfende Angebot der Recycler gepaart mit einem Irankrieg am Markt darstellen.
Die zweite große Herausforderung wird darin bestehen, wiederverwendbare Verpackungen im B2B-Bereich und im Transportwesen einzuführen.
Bei diesen Verpackungen erwarten Sie Probleme?
Désilets: Ja, weil für beide Bereiche ziemlich ambitionierte Zielquoten gelten. Außerdem scheint nahezu die gesamte Branche einen wichtigen Aspekt zu übersehen: Bei Konzepten der Wiederverwendung von B2B- und Transportverpackungen geht es nicht nur um die Behälter selbst. Die PPWR stellt auch hohe Anforderungen an das dahinterstehende System. Dazu gehören harmonisierte und hohe Reinigungs- und Hygienestandards, eine reibungslose Rückgabelogistik sowie die Anpassung an Logistik- und Produktionsprozesse. Ich befürchte, dass Unternehmen ungeeignete und kostspielige Lösungen einführen, die letztlich die Produktsicherheit und den Markenschutz gefährden.
Und wie sieht es vor dem Hintergrund der Verordnung bei den Lösungen für B2C aus?
Désilets: Da erwarte ich neue Bemühungen bei alternativen Materialkonzepten. Und auch hier wird es darum gehen, die Mehrwegverpackungen in die Produktionsprozesse und die Lieferketten zu integrieren. Wir sehen europaweit eine wachsende Bereitschaft und Initiativen hin zu Mehrweglösungen für Verbraucher. Sei es bei Verpackungen im Regal oder im HoReCa-Bereich, also in der Gastronomie oder dem Beherbergungssektor. Auch hier entstehen gerade neue Systeme, die sich im Zuge der B2B-Systeme mit entwickeln werden.
Im To-go-Bereich kommen dann noch Verpackungssteuern in den Kommunen als weitere Kostentreiber und Investitionspotenziale, die Mehrweg in die Karten spielen. Schauen wir auf das Beispiel Rumänien, wo innerhalb eines Jahres das größte europäische Netz an Rücknahmeautomaten für PET-Einwegflaschen geschaffen wurde. Und die ließen sich auch für Mehrwegrücknahme anpassen.
Auch der Kostentreiber EPR-Gebühren wird Einweg-Kunststoffverpackungen deutlich verteuern, weshalb faserbasierte Lösungen und Mehrwegverpackungen stärker in den Fokus rücken. Zudem werden steigende Nachfrage und begrenzte Verfügbarkeit die Kosten für recycelte Inhaltsstoffe in die Höhe treiben. Gleichzeitig nähern sich die Kosten von Faser-Lösungen immer mehr den Kunststoffen an und gleichen das GAP aus.
Sie haben von einer dritten Herausforderung bis 2030 gesprochen. Was meinen Sie damit?
Désilets: Das Datenmanagement für die künftige Berichterstattung. Viele Unternehmen stehen vor dem Problem, von der unstrukturierten Datenspeicherung in PDF, Excel und Schlimmerem zur echten Integration in die ERP- und Datenmanagementsysteme zu gelangen. Die PPWR und andere gesetzliche Vorschriften verlangen aber strukturierte Daten und Belege – diese Integration ist also alternativlos.
Verpackungsdaten gehören definitiv in die Stammdaten. Ich befürchte aber, dass die Größe der Aufgabe vielen noch nicht bewusst ist. Ich sehe allerdings auch einen positiven Aspekt: Die PPWR zwingt Unternehmen dazu, sich intensiv mit ihren Daten zu beschäftigen. Und damit wird sie ganz nebenbei zu einem wesentlichen Treiber der digitalen Transformation. Wir haben bei unseren Kundenprojekten noch kein einziges Unternehmen mit einer ERP-Datenbasis gesehen, die alle relevanten Informationen enthält – nicht mal für die ‘Inventur’ durch die DoC.
Entstehen unter dem Druck der PPWR bereits neue Verpackungskonzepte, die die Kreislaufwirtschaft fördern?
Désilets: Neben dem großen Thema Re-Use ist derzeit die Umstellung auf Papier besonders spannend. Im Markt sind bereits sehr innovative Konzepte, die auf Fasern basieren und Barrierefunktion erfüllen. Für viele Verpackungsingenieure sind die tatsächlichen Barriere-Anforderungen eine Art Black Box, weshalb sie sich oft auf gängige Lösungen und etablierte Spezifikationen verlassen. Sobald sie die Produkt-Anforderungen von OTR und WVTR unter realistischen Haltbarkeitsbedingungen verstehen, sind sie auch in der Lage, neue Lösungen zu finden, die dem tatsächlichen Bedarf entsprechen. Barrieren und neue Anwendungstechnologien sind derzeit die auffälligsten und angesagtesten Lösungen im Einwegbereich.
Und was bewegt sich bei den Kunststoffverpackungen?
Désilets: Hier sind die Optimierung der Dicke und die Entwicklung von richtigen Mono-Lösungen mit hoher Recyclingfähigkeit entscheidend. Wir werden wahrscheinlich bald mehr Verpackungen aus echten Monomaterialien sehen, die in hohem Maße recycelbar sind und nicht nur einfach die 5%-Hürde unterschritten haben. Und sollten biobasierte Kunststoffe wie Bio-HDPE und Bio-PET als Ersatz für mechanisch, chemisch oder lösungsmittelbasiert recycelte Inhaltsstoffe akzeptiert werden, dann werden auch sie an Bedeutung gewinnen.
Bei kompostierbaren Materialien bin ich derzeit eher skeptisch. Sie werden sich nur durchsetzen, wenn die neuen Infrastruktursysteme, die im Rahmen der PPWR-Ziele für jeden Mitgliedstaat aufgebaut werden, auch die Sammlung und das Recycling kompostierbarer Verpackungen in einem separaten Strom ermöglichen.
Die PPWR hat daher heute schon einen positiven Effekt auf die Branche. Alle Sektoren versuchen, sich auf die Anforderungen vorzubereiten, um ihr Business zu retten oder auszudehnen. Was ich auch beobachte, sind Shifts von einem Material-Modell zu einem anderen. Kunststoff-Hersteller kaufen vermehrt auch Papierhersteller, und Papierhersteller kaufen Kunststoff-Unternehmen.
Eine Investition eines Einweg-Verpackungsherstellers in Mehrweg ist dagegen noch die Ausnahme. Dabei sind hier besonders spannende Renditen zu erwarten, wenn der Weg vom Verkauf von Mehrwegverpackungen hin zu PaaS geht, also dem Mieten von Mehrwegverpackungen. Da bin ich sehr gespannt, wann sich das entwickelt und große Treiber hier investieren und Behälter in harmonisierten Systemen zur Nutzung anbieten.
Wie ist das Thema Recycling im Rahmen der PPWR zu betrachten?
Désilets: Ich erwarte hier keine besonderen Herausforderungen. Teilweise sehen wir jetzt schon neue Lösungen, es gibt 25 sogenannte Neue Technologien für Kunststoffe, die von der EFSA zugelassen wurden, PS erlebt gerade eine kleine Renaissance durch die Studie bei Joghurtbechern, PET-Recycling außerhalb von Getränkeflaschen wird sich auch bewegen. Auch im Papierbereich werden die Barrieren immer dünner und besser, sodass die klassischen Verbunde eher zurückgehen werden.
Die große Herausforderung wird der Kostenausgleich für die Papierrecycler sein, die bei den heute angestrebten 70 % und 80 % Recycling deutlich mehr Abfallstoffe bekommen werden und diese Mehrkosten ausgeglichen werden müssen. Da ist die Regierung auch in Deutschland und anderen Ländern gefordert, die Kosten vernünftig zu verteilen, sodass sich das Faserrecycling auch mit so hohen Fremdstoffanteilen rentiert.
Was glauben Sie: Wie werden wir in zehn oder 15 Jahren auf die PPWR blicken?
Désilets: Wir werden sie als Erfolgsmodell sehen. Die europäische Verpackungslandschaft wird sich stark verändert haben. Nicht nur durch neue Materialien und Designs, sondern auch durch neue Geschäftsmodelle, deren Entstehen wir bereits heute beobachten können.
Und einen wichtigen Effekt sollten wir nicht vergessen: Die PPWR trägt dazu bei, das Thema Verpackung auch im Bewusstsein der Verbraucher zu verankern. Nicht nur als Träger von Information und Marketing, sondern als wesentlicher Baustein von umweltverträglicher Wirtschaft. Schon alleine deshalb wird sich der Aufwand gelohnt haben.
*Martin Schwarz ist Geschäftsführer der auf B2B Content Marketing spezialisierten Agentur AustriaContent in Wien. AustriaContent verantwortet das Content Marketing für Pacoon.
